Lange haben Fans darum gebettelt, und Playground Games hat es endlich getan: Forza Horizon reist nach Japan. Ein Setting, das größer nicht sein könnte und ein geschichtsträchtige, kulturell reiche und vor allem visuell atemberaubende Momente verspricht. Und ja, das neue Spiel ist ganz schön gut und macht verdammt viel Spaß. Aber gleichzeitig beschleicht mich das Gefühl, dass diese wunderbare Kulisse eher wie ein hübsches Geschenkpapier um eine alte Schachtel wirkt. Vor allem, wenn sich das sechste Horizon-Spiel kaum von seinen Vorgängern unterscheidet. Lest in unserem Review, warum…
Die offene Welt, die keine Konkurrenz hat
Das Erste, das man über Forza Horizon 6 verstehen muss: Das ist eine Open-World, wie es sonst kein anderes Rennspiel hinbekommt. Ihr könnt überall hinfahren, ihr könnt jederzeit ein Rennen starten, es gibt keine künstlichen Grenzen, alles ist von Anfang an verfügbar. Es ist simpel: Gas geben und los. Und mit über 550 Fahrzeugen zur Auswahl könnt ihr euch jederzeit hinstellen und denken: „Welches Auto fahren wir heute?“ – und dann sofort in die Welt raus und machen, was ihr wollt.

Das ist eine Freiheit, die wirklich einzigartig ist. Andere Rennspiele geben euch klare Ziele vor, quetschen euch in enge Rennstrecken ein oder zwingen euch in fragwürdige Storys mit Cringe-Charakter (Ich denke da z.B. an Need for Speed). Aber bei Forza Horizon ist das anders. Hier bestimmt IHR, was ihr tut. Wollt ihr Rennen fahren? Macht das. Wollt ihr einfach nur durch die Landschaft cruisen und die Musik genießen? Auch gut. Wollt ihr mit 10 anderen Spielern eine improvisierte Drift-Rennen-Schlacht in Tokyo starten? Alles klar. Die Freiheit ist absolut und sucht seinesgleichen vergebens.
Und die Fahrphysik? Wie eh und je extremst anpassbar. Ihr könnt von super Arcade-lastig (mit praktischer Zurückspulfunktion bei vergeigten Kurven) bis hin zu kompletter Simulation (sehr nahe an der eigentlichen Forza-Motosport-Reihe) alles einstellen. Lenkassistenz, Brems-Hilfe, Traction Control, Differentialsperre – alles kann kalibriert werden, je nachdem, wie ihr fahren möchtet. Das ist großes Kino für Leute, die ihr Setup perfekt abstimmen wollen, eignet sich aber auch perfekt für Casual-Spieler, die einfach nur drauflosfahren wollen.
Kein anderes Spiel auf dem Markt bietet diese Kombination aus Freiheit und Anpassbarkeit. Das ist Horizons größte Stärke.
Eine Reise ohne Drama. Und genau das ist das Problem…
Jetzt zum Setting und der Story. Japan ist wunderschön umgesetzt, ja. Aber was ist die Geschichte, die ihr hier erzählt bekommt? Ihr seid neu beim Horizon Festival, eure „Freunde“ Mei und Jordan begrüßen euch, und dann... fahrt ihr Rennen. Ihr verdient Wristbands. Ihr macht mehr Rennen. Ihr bekommt neue Wristbands. Ziel erreicht, ihr seid jetzt cool. The End.
Das klingt vielleicht zynisch, aber das ist ehrlich das Problem: Forza Horizon 6 sucht sich keine Konflikte. Es will Drama vermeiden, es will keine schwierigen Entscheidungen, es will einfach, dass alles Spaß macht. Alle sind glücklich, alles ist freundlich, es gibt keine bösen Gegner, keine großen Ziele, keine echten Herausforderungen auf Story-Ebene. Der Fokus liegt 100% auf dem „Erleben“, dem Fahren, Sammeln und Fenießen.
Das klingt eigentlich ja ganz nett. Aber nach 20 Stunden fragt man sich gerne mal: Warum rasen wir eigentlich hier herum? Was ist der Punkt? Es gibt keine echte Motivation außer „weil’s halt Spaß macht“. Das ist nicht automatisch schlecht, aber es macht die Erfahrung irgendwie emotional leer. Ihr fahrt wunderschöne Landschaften ab, aber es fühlt sich an wie ein Traum, bei dem nichts wirklich eine Bedeutung hat.

Die Event-Struktur ist das beste Beispiel für dieses Problem: Cross-Country-Rennen, Circuit-Races, Street Racing, Dirt Racing, Drift-Rennen – alles funktioniert, alles ist solide. Dazu kommen Speed Traps, Drift Zones, Trailblazers, Barn Finds, Collectables, Horizon Chapters. Da gibt es viel zu tun. Aber diese Events können in allen möglichen Settings abgehalten werden. Es hat keine spezielle Japan-Note. Das alles fand bereits in älteren Forza-Teilen genauso in Mexico, in England, in Australien statt. Das ist mehr als schade.
Es gibt genau einen Moment, wo das Spiel glänzt: Ein Showcase-Rennen gegen einen Gundam-ähnlichen Roboter. Das ist es! Das ist das Japan, das wir hätten sehen können! Verrückt, kulturell relevant, einzigartig. Aber danach? Zurück zu Standard-Rennen. Das fühlt sich an wie ein verpasster Moment.
Fazit
Forza Horizon 6 ist ein gutes Spiel, das technisch beeindruckt (bei den Autos zumindest!), spielerisch zuverlässig liefert, und besonders mit Freunden großartig funktioniert. Die Freiheit und Anpassbarkeit sind unvergleichlich – kein anderes Rennspiel kommt hier heran. Aber es ist auch ein Spiel, welches das Potenzial von Japan verschenkt, indem es die kulturelle Identität und das Leben des Landes ignoriert und stattdessen eine generische „Fahre schnell durch schöne Landschaften“-Erfahrung bietet. Die Ladezeiten sind dabei ein Ärgernis, der das Abenteuer fragmentiert, und die Technik fühlt sich stellenweise veraltet an.
Wer einfach nur mehr Horizon-Content möchte, bereit ist mit Ladezeiten zu leben, und Freunde hat zum Mitfahren, wird hier einen Heidenspaß haben. Aber wer gehofft hat, dass Playground endlich mal zu neuen Horizonten aufbricht, der könnte enttäuscht werden. Das Spiel ist immer noch großes Kino. Nur eben in einer Serie, die langsam ihre eigenen Grenzen erkennt. Mit den richtigen Leuten am Start wird es trotzdem zu einem verdammt unterhaltsamen Abenteuer. Man muss nur wissen, worauf man sich einlässt.
Bewertung
Pro
- Unvergleichliche Freiheit und Open-World-Design
- Gutes Fahrgefühl mit extremer Anpassbarkeit
- Massive Menge an Fahrzeugen (600+) und Inhalten
- Wunderschöne Landschaften
- Abwechslungsreiche Renn-Events
Contra
- Ladezeiten überall fragmentieren den Spielfluss
- Japanische Kultur kommt im Gameplay kaum vor
- Welt wirkt merkwürdig leer und seelenlos
- Eigentlich überhaupt keine Innovation, keine Neuerungen
- Keine wirkliche Story und veraltete Charakter-Modelle
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