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Nach dem etwas anderen Ausflug in Resident Evil Village, der die Serie stärker in Richtung Action-Horror mit First-Person-Perspektive geschoben hat, wagt Capcom mit Resident Evil Requiem den nächsten mutigen Schritt. Der neueste Serienteil probiert einen frischen Mix aus purem Survival Horror und knackiger Action aus – und bedient sich dafür gleich zweier Hauptfiguren. Wir schauen uns genauer an, wie die beiden Protagonisten Grace und Leon miteinander harmonieren und ob der Spagat zwischen Angstschweiß und Adrenalin gelingt.

Zwei Seiten derselben Medaille

Einen Leon S. Kennedy muss man Resi-Fans kaum vorstellen. Der Kerl hat seit Resident Evil 2 mehr Zombies erledigt, als ein durchschnittlicher Spieler in einem ganzen Leben zu Gesicht bekommt. Grace Ashcroft hingegen ist ein komplett neues Gesicht im Franchise – und ein bewusst anderes. Capcom hat die FBI-Analystin als Gegenentwurf zum abgehärteten Veteranen konzipiert. Während Leon seinen Weg durch Horden von Infizierten pflügt, schleicht Grace durch dieselben Gänge und hofft inständig, nicht entdeckt zu werden. Diese Dualität ist nicht nur ein nettes Gimmick, sondern das Herzstück des gesamten Spielerlebnisses.

Grace oder das große Zittern

Mit Grace erleben wir die klassische, angstgetriebene Resi-Erfahrung, wie sie Fans aus den frühen Teilen und zuletzt aus Resident Evil 7 kennen. Als FBI-Agentin bekommt sie den Auftrag, eine Reihe mysteriöser Todesfälle zu untersuchen. Soweit die Theorie. In der Praxis mimt sie bei jeder Gelegenheit das verschreckte Mädchen – jede Bewegung, jeder Schatten, jedes Geräusch lässt sie zusammenzucken. Als FBI-Ermittlerin wirkt sie dadurch nicht immer glaubwürdig, denn man fragt sich zwischendurch schon, wie diese Dame je durch die Ausbildung gekommen ist.

Dafür sind ihre Passagen spielerisch umso packender. Man ist hier eben keine coole Rampen-Sau wie Leon, sondern ein potenzielles Mittagessen für das nächstbeste Monster. Grace hat kaum Munition, wenig Lebensenergie und noch weniger Optionen im Kampf. Ihre Standardpistole richtet bei stärkeren Gegnern wenig aus, weshalb Ausweichen, Schleichen und clevere Fluchtwege die weitaus bessere Option sind.

Eine raffinierte Mechanik ist dabei der sogenannte Blood Collector: Grace kann das Blut erledigter Zombies einsammeln und daraus Munition, Heilitems oder besonders wirksame Injektoren craften, die Gegner auch mal mit einem Treffer ausschalten. Ressourcenmanagement wird damit zur Überlebensfrage – wer planlos drauf hält, steht beim nächsten Brocken mit leeren Taschen da. Capcom empfiehlt für ihre Abschnitte übrigens die Ego-Perspektive, was die Enge und das beklemmende Gefühl noch einmal spürbar verstärkt.

Leon macht Nägel mit Köpfen

Wenn die Lage wirklich brenzlig wird, übernimmt Leon. Der hartgesottene Kerl mit der gewissen Coolness lässt sich von ein paar Dutzend Zombies nicht aus der Ruhe bringen und geht direkt in die Offensive. Seine Abschnitte spielen sich wie eine Weiterentwicklung des Resident Evil 4 Remakes und flutschen nur so von der Hand. Schuss, Ausweichschritt, Nahkampfmanöver – das alles greift wunderbar ineinander und sorgt für dieses befriedigende Feeling, das Action-Fans lieben.

Leons Werkzeugkasten ist dementsprechend prall gefüllt: Neben diversen Schusswaffen wie Pistolen, Schrotflinte und dem namensgebenden Requiem-Magnum hat er ein deutlich größeres Inventar als Grace und kann obendrein ein Beil als Nahkampfwaffe schwingen. Das Ding richtet nicht nur ordentlich Schaden an, sondern dient auch zum Parieren von Angriffen und zum Öffnen verbarrikadierter Schränke, an die Grace schlicht nicht herankommt. An bestimmten Stellen darf er sogar zur Kettensäge greifen – ein herrlich trashiges Highlight, das perfekt in die Resi-DNA passt.

Das Spiel wechselt fließend zwischen beiden Figuren, und ehrlich gesagt tut dieser Rhythmus richtig gut. Nach einer nervenzehrenden Grace-Passage mit Leon die Ärmel hochzukrempeln und aufzuräumen, fühlt sich wie Erlösung an. Und andersherum: Wer gerade noch Headshots gesetzt hat, schluckt bei der nächsten Grace-Szene wieder ein wenig.

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Fazit

Resident Evil Requiem ist ein gelungener Spagat zwischen purem Survival Horror und knackiger Action, der dank seiner zwei Hauptfiguren einen Rhythmus aufbaut, den die Serie in dieser Form noch nicht hatte. Grace und Leon funktionieren als Duo hervorragend, auch wenn die FBI-Analystin mit ihrer Dauerangst an manchen Stellen etwas an Glaubwürdigkeit einbüßt. Spielerisch ist das zu verschmerzen, weil ihre Passagen genau diese klaustrophobische Survival-Stimmung erzeugen, die vielen modernen Ablegern der Reihe abgeht.

Leon ist und bleibt dagegen ein Garant für flüssige, befriedigende Action, die sich wie eine natürliche Weiterentwicklung des vierten Teils anfühlt. Dazu gesellen sich eine gewohnt abgedrehte, aber packend inszenierte Geschichte und eine Präsentation, die auf der Xbox Series X keine Wünsche offen lässt.

Ja, die Story bedient altbekannte Umbrella-Klischees, und nein, nicht jede Design-Entscheidung wird jeden Fan glücklich machen. Doch unterm Strich liefert Capcom einen Serienteil ab, der sich gekonnt an seinen Wurzeln bedient, ohne in Nostalgie zu ertrinken. Wer Survival Horror mag, für den ist Requiem ein klarer Pflichtkauf. Und wer bislang mit der Reihe fremdelte, findet hier dank des zweigleisigen Konzepts vielleicht endlich seinen Einstieg.


Bewertung

Pro

  • Spannender Wechsel zwischen zwei Spielstilen
  • Dichte, klaustrophobische Horror-Atmosphäre mit Grace
  • Flüssige, befriedigende Action-Passagen mit Leon
  • Wunderschön morbide RE-Engine-Optik
  • Clevere Crafting-Mechanik rund um den Blood Collector
  • Packende, persönliche Geschichte rund um Grace

Contra

  • Grace wirkt als FBI-Agentin nicht immer glaubwürdig
  • Storytwists teils vorhersehbar für Serienkenner
  • Ressourcenknappheit kann Neulinge frustrieren

Gafik 9 von 10
9/10
Sound 8 von 10
8/10
Gameplay 8 von 10
8/10
Geschichte 7 von 10
7/10
Spielspaß 8 von 10
8/10
Umfang 8 von 10
8/10
XBU-Silver-Award
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